“Wichtig ist immer auch die Marktschreierei” - Interview mit App-Experte Carsten Scheibe zum Thema Erfolgsfaktoren von Apps
31. August 2010 von KM
telefon.de: Herr Scheibe, Sie befassen sich intensiv mit dem Thema iPhone Apps. Könnten Sie sich und Ihre Aktivitäten bitte kurz vorstellen?
Carsten Scheibe: Na klar. Ich bin Berliner, 43 Jahre alt, bin hier auch zur Uni gegangen und habe Bakteriengenetik studiert. Ich wollte schon immer Wissenschaftler oder Journalist werden. Im Studium fing das dann an mit den PC-Magazinen. Das war echt Aufbruchsstimmung. Auf einmal schrieb ich Artikel für alle bekannten PC-Magazine und hab als junger Autor sehr viel Geld verdient. Nach dem abgeschlossenen Studium machte ich mich deswegen schnell selbstständig. Ich hab die verrücktesten Jobs gemacht. Das Karstadt Kundenmagazin der Computer-Abteilung hab ich viele Monate lang geschrieben, Software-Pakete für den Bürodienst Herlitz zusammengestellt, Sammellernkarten für PC-Einsteiger geschrieben und annähernd 250 fette PC-Sonderhefte von Anfang bis Ende geplant, getippt und als Chefredakteur betreut. Vor knapp vier, fünf Jahren ging dieser Markt immer mehr darnieder. Ich habe damals in der Krise eine Presseagentur (www.itpressearbeit.de) und eine Lokalzeitung für meinen Wohnort in Falkensee (www.falkenseeaktuell.de) gegründet. Das war sehr gut, inzwischen lebe ich davon und bin mal mein eigener Chef. Gerade die Presseagantur läuft gut, wir haben über 700 Kunden aus aller Welt. Da ich jahrelang selbst PC-Journalist war, weiß ich aber natürlich genau, was die Jungs am Redaktionstisch auch wirklich brauchen und erwarten.
Nach über 20 Jahren PC-Journalismus war ich aber zwischenzeitlich völlig leer geschrieben und gelangweilt. Erst das iPhone sorgte wieder dafür, dass es im Bauch kribbelt. Jetzt betreibe ich mit Allemeineapps.de (www.allemeineapps.de) einen eigenen nicht-kommerziellen Blog, der bei Stern.de auch noch gespiegelt wird. Endlich macht das Schreiben “just for fun” wieder Spaß. Diese Apps finde ich irre, inzwischen habe ich knapp 1.000 auf meinem Rechner.
telefon.de: Im Rahmen unserer Aktivitäten in Sachen “Coole Apps” stellen wir immer wieder fest, dass der Erfolg einer App keinesfalls dem Zufall überlassen werden muss. Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Erfolgsfaktoren, die ein App-Entwickler beeinflussen kann?
Carsten Scheibe: Da ist zunächst das Thema. Durchgeknallte Fun-Apps laufen sehr gut. Schnelle bunte Spiele mit einer irren Idee können Millionenseller werden. Doodle God finde ich hier den Knaller des Jahres, die ganze Familie war süchtig. Natürlich sind auch nützliche Apps sehr wichtig. Wer eine App schreibt, die neue Wege beschreitet und die wirklich nützlich ist, hat schon halb gewonnen. Ich denke nur, dass Pupskissen-Apps und hochgradig spezialisierte Apps für ein kleines Publikum kaum eine Chance haben. Ebenso wie alles Belanglose und Kopierte.
Wichtig ist natürlich auch, dass eine App gut aussieht. Eine professionelle Grafik, gute Soundeffekte, ein überzeugendes Bedienkonzept. Das ist sehr wichtig. Wer kein guter Grafiker ist, muss eben in die Tasche greifen und einen Grafiker bezahlen. Hier warte ich noch darauf, dass sich ein entsprechender Markt formiert, der Grafiker, Musiker, Designer und andere Experten speziell für den App-Markt hervorbringt. Aber vielleicht ist dieser Markt auch schon da und ich weiß es nur nicht.
Wichtig ist immer auch die Marktschreierei. Ich beobachte immer wieder, dass gar nicht so viel nötig ist, um neue Apps in den AppStore-Charts nach oben zu bringen. Eine gute Pressearbeit ist wichtig. Und die ganzen iPhone-Blogs müssen mit Promo-Codes versorgt werden. Wie überall gilt: Wer hier spart, spart am falschen Ende. Wer nicht wirbt, stirbt. Nirgendwo gilt das so wie im AppStore, wo man ganz schnell in der Versenkung verschwinden kann.
telefon.de: Können Sie auch ein paar Tipps im Hinblick auf die Preispolitik geben? Wir beobachten z.B. immer mal wieder Apps, bei denen extrem oft an der Preisschraube gedreht wird. Da werden auch mal Applikationen zu absurd hohen Preisen angeboten, um sie dann wieder zu verbilligen.
Carsten Scheibe: Ich weiß nicht. Ich hab mit vielen App-Entwicklern gesprochen. Da werden Apps befristet kostenfrei angeboten. Dann schießen sie in den Charts hoch. Kosten sie dann wieder Geld, werden auch nicht unbedingt mehr Apps verkauft als vorher. Trotzdem haben auf einmal alle die App. Ich selbst habe jeden Tag Apfelticker.de im Blick. Jeden Tag entdecke ich hier bis zu drei coole Apps, die vorher viel Geld gekostet haben, für umsonst. Da schlage ich zu. Aber bringt das den App-Entwicklern etwas? Ich weiß nicht. Ich habe ihre Apps dann auf dem iPhone und werde nie wieder Geld dafür bezahlen.
Ich bin der Meinung, eine App muss auch etwas wert sein. Ich habe kein Problem damit, für eine gute App 1 bis 5 Euro auszugeben. Das ist doch Kleingeld gegenüber den Programmen für Windows. Oder den Spielen für die Wii oder den Nintendo DS. Deswegen stelle ich auch auf Allemeineapps.de immer wieder Apps vor, die eben nicht umsonst sind. Das bisschen Geld, das da verlangt wird, sollte jeder haben. Die meisten Apps sind es wert. Und lieber zahle ich, als von Werbung genervt zu werden.
Sinnvoll finde ich, eine neue App zum Start zum vergünstigten Einführungspreis anzubieten, damit die Blogs einen Aufhänger haben, um drüber zu schreiben. Danach würde ich den Preis stabil lassen, um zu zeigen, dass auch der Wert meiner App stabil ist. Aber App-Marketing, das ist wie Suchmaschinenoptimierung für eine Homepage. Da macht man die verrücktesten Sachen als Entwickler, um nur ja im Gespräch zu bleiben.
Diese Extrem-Preispolitik habe ich übrigens bei den von mir observierten Apps noch nicht beobachten können. Vielleicht machen das ja nur Entwickler, die eh nicht im Fokus des Interesses stehen? Und die dementsprechend verzweifelt sind.
telefon.de: Sie sind ja auch als App-Blogger auf verschiedenen Ebenen aktiv. Haben Sie auch beobachtet, dass eine App nach einer Besprechung im Blog plötzlich in den Hitlisten nach oben steigt?
Carsten Scheibe: Ja, immer wieder. App-Reviews in den Medien knallen ungemein. Es hängt zwar auch vom jeweiligen Blog und vom Thema der App ab, aber die Wirkung ist überzeugend und nachweisbar. Die Leserzahlen der Blogs steigen und steigen - also wird sich das noch intensivieren. Mir ist auch schon öfters aufgefallen, dass Apps nach einem Blog-Review auch plötzlich im AppStore auf der Startseite herausgestellt werden. Da bilden sich also auch Kettenreaktionen aus.
Ich merke in diesem Zusammenhang auch, dass ich als Blogger inzwischen jeden Tag mehr Anfragen bekomme, ob ich mir wohl eine neue App anschauen könnte. In diesem Sinne verweise ich noch einmal auf die Pressearbeit (www.itpressearbeit.de): Sie muss sein und sie lohnt sich.
Was ich mir noch mehr wünsche: Wir haben so viele tolle App-Entwickler im Land. Leider nehmen sich die meisten Blogs nicht die Zeit, um Apps wirklich ausführlich zu testen und dann vorzustellen. Stattdessen wiederholen alle Blogs unisono die neuesten Apple-News. Ich wünsche mir noch viel mehr Reviews in den Medien, damit die Entwickler mehr Feedback und Käufer finden. Ich versuche, da mit gutem Beispiel voranzugehen. Längere Reviews als auf Allemeineapps.de (www.allemeineapps.de) kann man wohl kaum finden.
telefon.de: Zum Schluss interessiert uns und wie gewöhnlich ein Ausblick. Wie wird sich das Thema Apps in fünf Jahren darstellen und welche Rolle werden die verschiedenen Plattformen (iPhoneOS, Android etc.) dabei spielen?
Carsten Scheibe: Gute Frage. Ich denke, die App-Flut wird noch eine Weile explodieren und sich dann ein wenig konsolidieren. Denn Geld verdienen, das tun nur die wenigsten mit ihren Apps. Viele Startups werden das nicht überleben, denn es kommt noch zu wenig Geld rein bei vielen Entwicklungen. Ich hoffe, dass dann der Schrott verschwindet und wir dafür immer mehr hochwertige Apps bekommen.
Wenn ich aber sehe, wie viele Leute aus meinem Bekanntenkreis sich plötzlich ein iPhone oder einen iPod touch anschaffen, dann denke ich, dass Apple eine glänzende Zukunft hat. Allerdings dachte ich das beim Nintendo DS auch. Und dann kam der iPod touch und hat die mobile Spielekonsole in arge Bedrängnis gebracht - beobachte ich. Wer weiß, was Apple in Zukunft zu schaffen macht.
Am ehesten wohl Android. Viele Apple-Enttäuschte wechseln zu Android, das wird der Hauptkonkurrent werden. Die anderen mobilen Betriebssysteme spielen in meinen Augen keine Rolle mehr.
Für mich persönlich sehe ich schon jetzt ein Weg vom Computer weg und ein Hin zum Hosentaschen-Alleskönner. Das iPhone ist längst unverzichtbar und mein mobiles Adressverzeichnis, mein Terminkalender, mein Infobroker, mein Banker und meine E-Mail-Zentrale. Das wird sich noch intensivieren. Inzwischen achte ich mehr darauf, dass ich mein iPhone in der Tasche denn meine Brille auf der Nase habe.


