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telefon.de: Herr Eloesser, Sie sind President der IT-Firma Nosotek mit Sitz in Pjöngjang und gewissermaßen der östlichste Außenposten der iPhone-App-Entwicklung wie wir der PC World entnehmen. Können Sie uns näheres zu Ihren Aktivitäten in diesem Bereich erzählen?

Volker Eloesser: Wir entwickeln mit wachsendem Erfolg Handyspiele fuer Java, Brew und iPhone fuer westliche Kunden. Im Allgemeinen kommt der Kunde mit einem fertigen Konzept und betraut uns ausschliesslich mit der Umsetzung. Gemeinsam mit unseren chinesischen Partnern koennen wir aber auch Eigenentwicklungen und Umsetzungen von Grobkonzepten durchfuehren. Wir arbeiten nicht nur an der Programmierung, sondern koennen – anders als die meisten Software Outsourcing Firmen – auch 2D und 3D Graphiken und Animationen bis hin zu Trickfilmen in Disney-Qualitaet liefern.

telefon.de: Wie erklärt es sich, dass in Nordkorea überhaupt die Expertise vorhanden ist, iPhone-Apps erfolgreich umsetzen zu können?

Volker Eloesser: Es gibt hier eine sehr umfassende wissenschaftlich-technische Ausbildung in den Universitaeten. Sie finden zudem eine Menge Leute mit Erfahrung im 2D und 3D Graphikbereich. Natuerlich haben die Mitarbeiter die zu uns kommen, vorher noch nie ein iPhone in der Hand gehabt. Aber da iPhones letztenendes auch nur Computer sind und eine Menge Erfahrung in den unterschiedlichsten Bereichen bereits vorhanden ist, gelingt der Umstieg schnell.

telefon.de: Erschwert der Standort die Entwicklung von iPhone-Apps?

Volker Eloesser: Definiv ja. Insbesondere, weil hier nur wenige Leute Zugang zum Internet haben. Eben mal in einem Forum googlen ist fuer die meisten nicht moeglich. Man muss jemanden fragen, der die Loesung kennt oder findet. Online-Komponenten entwickeln wir in China. Trotzdem lohnt es sich unterm Strich allemal: Der ueberdurchschnittlich hoehe Ausbildungsstand und die niedrigen Lohnkosten machen den Nachteil wieder wett.

telefon.de: Kein Internet zu haben ist sicher ein erheblicher Nachteil

Volker Eloesser: Das stimmt. Es kann aber auch ein Vorteil sein. Bis auf wenige handverlesene Leute, haben unsere Programmierer nicht nur keinen Zugriff zum Internet, sie haben auch deaktivierte USB ports. Damit kann ausgeschlossen werden, dass Intellectual Property, wie source codes oder Daten unser Haus verlaesst. Wenn Sie ein Handyspiel in Osteuropa entwickeln lassen, finden Sie oft schon eine Version zum Kostenlosen Download in einschlaegigen Foren im Netz. Das kann bei uns nicht passieren und einige unserer Kunden sehen hierin einen erheblichen Vorteil.

telefon.de: Was würde Apple zu dem Sachverhalt sagen, wenn der Konzern dahinterkäme, dass ein Entwickler sich des IT-Offshorings nach Nordkorea bedient hätte?

Volker Eloesser: Ich bin nicht sicher. Unsere Kunden bevorzugen, das besser nicht auszuprobieren und halten den Mund ueber die Herkunft unserer Produkte. Die European Business Association (eba-pyongyang.org), hat den Sachverhalt geprueft und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Softwareentwicklung in Nordkorea nicht gegen internationale oder US-Gesetze verstoesst. Wir haben auch die Unterstuetzung der deutschen Botschaft vor Ort, die uns sogar bereits mit einer deutsche Politikerdelegation besucht hat. Trotzdem koennte Apple die Entscheidung treffen, Produkte aus Nordkorea nicht zu veroeffentlichen. Aber keine Sorge, wenn’s unser Kunde nicht selbst ausplaudert, sind seine Informationen, wie auch sein Source code bei uns in sicheren Haenden. Nordkoreaner sind in Geheimhaltung sehr geuebt.

telefon.de: Wie wir weiter der PC World entnehmen, war eine von Nosotek entwickelte App in den Top10. Haben die nordkoreanischen Entwickler von diesem Erfolg auch erfahren?

Volker Eloesser: Selbstverstaendlich. Wir haben diesen Erfolg gross gefeiert. Nordkoreaner sind sehr stolze Menschen und auch wenn man in der westlichen Presse den Eindruck nicht gewinnen kann, ist jedem Einzelnen internationaler Erfolg und internationales Ansehen sehr wichtig.

2 Reaktionen auf ““Wir haben auch die Unterstuetzung der deutschen Botschaft vor Ort” – Volker Eloesser (Nosotek) über die iPhone-App-Entwicklung in Nordkorea”

  1. [...] Volker Elosser of Nosotek gives an interview in German here. [...]

  2. John sagt:

    Stellt sich die Frage: Wo hätte diese Firma noch entwickeln lassen? Im stalinistischen Russland? Bei den Roten Khmer? In Deutschland vor sechzig Jahren?

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