Interview mit Moritz Keck, der das iPhone für Senioren optimiert hat
16. November 2009 von KM
telefon.de: Moritz, Du hast das iPhone seniorentauglich gemacht. Wie kam es dazu und hat sich Apple schon bei Dir gemeldet?
Moritz: Ich war gerade auf Themensuche für meine Diplomarbeit und es war einer dieser Sonntage, an denen ich mal wieder meine Oma besuchte. Dabei fiel mir auf, dass sie bereits seit einiger Zeit ein (Nokia-)Handy besaß, was sie allerdings nie benutzte. Stattdessen lag es seit Monaten im ausgeschalteten Zustand auf der Fensterbank und wurde von ihr auch bei ihren regelmäßigen Ausflügen (beispielsweise in die Frankfurter Innenstadt) nicht mitgenommen. Auf meine Frage, warum sie denn ihr Handy nicht benutzen würde, sagte sie: “Weil mir die Bedienung zu kompliziert ist.” Nachdem ich festgestellt hatte, dass meine Oma nicht die einzige Person war, die ihr Handy – trotz hoher Bedürfnisse nach Kommunikation und Mobilität – zu Hause liegen ließ, machte ich diese Problematik zum Hauptthema meiner Diplomarbeit. Und nein, Steve Jobs hat bis dato noch nicht persönlich angefragt
telefon.de: Wird es Deine Anwendung auch im AppStore geben oder was muss ein “Silver Ager” tun, damit sein/ihr iPhone usability-technisch auch für die “Generation Plus” taugt?
Moritz: Im Rahmen meiner Diplomarbeit entstand ein prototypisch umgesetztes Anwendungskonzept, das das iPhone für die “Generation Plus”, also die älteren Menschen von heute, einfacher nutzbar und leichter zugänglich macht und dabei den Prinzipien des Universal Designs folgt. Der Fokus lag dabei mehr auf der konzeptionellen, nutzerzentrierten Entwicklung und weniger auf der finalen, programmiertechnischen Umsetzung. Auch wenn der Prototyp bereits auf einem handelsüblichen iPhone lauffähig ist, ist die Anwendung von einer tatsächlichen Freigabe im AppStore noch weit entfernt. Nichtsdestotrotz werden dieses und andere mögliche Vermarktungsszenarien bereits in meiner Diplomarbeit skizziert, darunter auch eine eventuelle Kooperation mit Apple. Denn optimalerweise müsste die Anwendung bereits am “Point-of-Sale”, das heißt vor Ort im Handyladen, verfügbar sein. Hier möchten die meisten potentiellen Kunden das Gerät vorab ausprobieren und insbesondere ältere Käufer sind in dieser Situation besonders kritisch. Wenn ein Handy hier nicht innerhalb weniger Minuten durch einfache Bedienung (und auch optisch) überzeugt, wird es nicht gekauft. Noch drastischer ist dies, wenn jemand in der Vergangenheit bereits schlechte Erfahrungen mit einem Vorgängermodell gemacht hat.
telefon.de: Der Presse ist zu entnehmen, dass Du das Innenleben des iPhone manipuliert hast. Was darf man sich darunter vorstellen?
Moritz: In der Presse wurde ich ja bereits als “Tüftler” bezeichnet – was jedoch vielmehr softwareseitig als hardwareseitig gilt. Ich habe also nicht das iPhone aufgeschraubt und irgendwelche Platinen ein- oder ausgebaut, sondern lediglich eine Software konzipiert, die die Bedienbarkeit des Geräts erhöhen soll.
telefon.de: Wir verkaufen ein breites Sortiment an Seniorenhandys und finden, dass diese nicht wie in der genannten Pressemeldung immer “klobig” daher kommen. Hast Du dich auch mit dieser Hardware beschäftigt? Welchen Vorteil bietet aus Deiner Sicht Dein iPhone?
Moritz: Ich habe mich mit den unterschiedlichsten Handymodellen auseinander gesetzt, von klassischen und als einfach bedienbar geltenden “Mainstreamgeräten”, über multifunktionale “Smartphones” bis hin zu speziellen “Seniorenhandys”. Sicherlich sind nicht alle Modelle so extrem klobig wie das Paradebeispiel “Katharina das Große”. Allerdings zeigen gerade die selbsternannten “Seniorenhandys” oftmals Schwächen im ästhetischen Design und stigmatisieren ihre Benutzer. Auch viele andere “Seniorenprodukte” zeichnen ein defizitäres Bild des Alters, das auf die älteren Menschen von heute jedoch absolut nicht mehr zutreffend ist. Denn die heutigen Senioren sind fitter und fühlen sich jünger denn je, sie achten sehr wohl auf ihr Äußeres und sind durchaus modebewusst.
Dies zeigt sich auch mehr und mehr beim Handykauf: Viele Ältere legen nicht nur Wert auf eine einfache Bedienung, sondern auch auf das ästhetische Design. Und gerade die Geräte, die sie aus ästhetischer Sicht mehr überzeugen als typische “Seniorenmodelle”, scheitern in der Praxis an mangelnder Zugänglichkeit und zu geringer Benutzerfreundlichkeit – selbst bei grundlegenden Funktionen wie Telefon oder SMS. Der “Joy of Use”, also die Freude an der Benutzung, kommt dadurch erst gar nicht auf.
Herausgefunden habe ich dies übrigens durch konsequentes Auseinandersetzen mit der Zielgruppe: Beobachtungen, Interviews, Diskussionen und Nutzertests mit verschiedenen Geräten waren ein wesentlicher Bestandteil meiner Diplomarbeit. Ältere Menschen wurden von Beginn an in die Entwicklung miteinbezogen.
Bereits ohne meine Optimierungen bietet das iPhone im Vergleich zu bisherigen Mobiltelefonen einen wesentlichen Unterschied: Es hat (in Frontansicht) nur eine einzige physische Taste, der Rest des User-Interfaces besteht aus einem großen Multi-Touch-Display. Dadurch bietet das iPhone eine viel direktere und natürlichere Interaktion, der Nutzer muss nicht mehr zwischen Bildschirm und Tasten unterscheiden beziehungsweise gedanklich hin- und herschalten, denn der Touchscreen ist Anzeige- und Interaktionsort zugleich, der Abstraktionsgrad sinkt. Darüber hinaus empfinden auch ältere Menschen das iPhone als richtig chic. Genau diese Eigenschaften haben mich davon überzeugt, dass das iPhone das Potential hat, auch Senioren zu begeistern. Die ersten Usability-Tests mit tatsächlichen Nutzern haben mir allerdings gezeigt, dass auch das iPhone in Sachen Benutzerfreundlichkeit bis dato nicht das ideale Gerät ist. Ausgehend von diesem Standpunkt begann ich mit der Entwicklung meiner Anwendung – immer mit dem Ziel, am Ende ein Gerät zu haben, dass für ältere Menschen sowohl einfach zu bedienen als auch ästhetisch und frei von stigmatisierenden Merkmalen ist.
telefon.de: Zum Schluß interessiert uns noch ein kleiner Ausblick. Wie wird sich in den kommenden Jahren die mobile Kommunikation für Senioren aus Deiner Sicht entwickeln?
Moritz: Schon heute zeigt sich deutlich, welch großes Kommunikations- und Mobilitätsbedürfnis ältere Menschen haben. Viele sind bis ins hohe Alter gerne unterwegs und kontaktfreudig, nicht nur innerhalb ihrer eigenen Generation. Dieser Trend wird sich innerhalb der nächsten Jahre noch deutlich verstärken, nicht zuletzt durch die demographische Entwicklung. Damit einhergehend steigt natürlich auch die Nachfrage an mobilen Kommunikationslösungen. Doch leider wird an dieser Stelle von der Industrie noch zu wenig Wert auf nutzerzentrierte und partizipatorische Produktgestaltung gelegt. Stattdessen werden bei der Produktentwicklung viele Nutzergruppen vernachlässigt, Produkte werden nach wie vor primär für jüngere Zielgruppen gestaltet. Genau hier muss ein Umdenken erfolgen, gerade auch bei den meist jüngeren Produktdesignern. Der Anspruch an die Entwicklung neuer Produkte muss sein, dass sie von jung und alt gleichermaßen genutzt werden können, “Universal Design” beziehungsweise “transgeneratives Design” ist hierbei das Stichwort. Im Optimalfall besucht der Enkel zukünftig seine Oma und sagt: “Wow, was hast du denn da für ein tolles Gerät? Das will ich auch!”



Gute Sache! Schliesslich handelt es sich hierbei um die einzige nachhaltig wachsende Zielgruppe!
[…] 24 Jahre alte Moritz Keck hat ein Herz für Senioren: nicht zum ersten Mal ist ihm aufgefallen, dass das Handy seiner Oma […]
eine echt tolle Idee, aber warum wird dies nicht voran getrieben?
Ich würde gerne für meine 65 jährige Mutter das iPhone zur Verfügung stellen mit besagter Modifizierung… wie komme ich an diese?
Ich selbst bin iPhone Nutzer und kann nur sagen dies ist kein Handy sondern eine Toolmaschine mit der so vieles möglich ist, warum sollte man dies nicht richtig nutzen….