Feed on
Posts
Kommentare

telefon.de: Herr Pittig, Sie sind der Initiator einer Aufsehen erregenden Initiative in Hegensdorf. Können Sie unseren Lesern kurz etwas über ihre Person, ihre Initiative und ihren Wohnort erzählen?

Frank Pittig: Ich selbst bin 31 Jahre alt und bin vor etwa drei Jahren in das 950 Einwohner zählende Hegensdorf gezogen. Schon vor meinem Umzug war mir bewusst, dass ich mich in DSL-loses Gebiet begebe, daher habe ich bereits kurz vorher damit begonnen mich mit dem Thema auseinander zu setzen. Die ersten 1 1/2 Jahre habe ich mich damit beschäftigt alternative Technologien und entsprechende Anbieter zu finden. Aufgrund der Tatsache, dass es zum echten DSL aber keine wirklichen Alternativen gibt, habe ich dann versucht Kontakt zur Telekom aufzunehmen, was mir rückblickend sehr gut gelungen ist. Nach den ersten Gesprächen hat die Telekom vor etwa einem Jahr nach einer technischen Lösung gesucht und diese auch gefunden. Ein am Ort vorbeiführendes Glasfaserkabel sollte in den Ort verlängert werden. Die Telekom bot an, uns anzuschließen, forderte dafür aber 40T€, da der Anschluss sich sonst nicht rechnen würde. Ich habe dann versucht diesen Betrag zu finanzieren. Als ich aber merkte, dass dies weder aus dem Ort heraus noch über öffentliche Stellen möglich war, kam mir die Idee, die Kabeltrasse selbst zu erstellen.

telefon.de: Was war der größere Kraftakt: Das Buddeln für DSL oder die Telekom von ihrer Initiative zu überzeugen? Gibt es Tipps, die Sie anderen Gemeinden in ähnlicher Lage geben können?

Frank Pittig: Es war aufwendig, aber von einem Kraftakt möchte ich nicht sprechen.
Nachdem die Idee – selbst zu graben – geboren war, habe ich im Ort Rücksprache gehalten und der Telekom anschließend diesen Vorschlag unterbreitet. Die Telekom war zunächst sehr überrascht, da es so einen Vorschlag noch nie gegeben hatte. Man versicherte uns, den Fall zu prüfen und gab dann schon wenige Tage später das OK. Sprich wir erstellen die Trasse und ziehen das Leerrohr inkl. aller Kosten ein. Anschließend schießt die Telekom das Glasfaserkabel durch das Rohr, stellt die notwendige Technik auf und schließt Hegensdorf an das Breitbandnetz an. Man muss also sagen, dass sich die Telekom sehr flexibel gezeigt und uns im Laufe des Projektes sehr gut unterstützt hat.

Das Buddeln selbst brachte ebenfalls einiges an Aufwand mit sich. Die Gegend rund um Hegensdorf ist sehr steinig und felsig, so dass schweres Gerät notwendig war, um die Trasse erstellen zu können. Außerdem handelt es sich um ein Privatprojekt, so dass nur nach Feierabend oder am Wochenende gearbeitet werden konnte. Dank der sehr guten Dorfgemeinschaft in Hegensdorf kamen die Arbeiten dennoch gut voran. Es gab einen harten Kern von etwa 15 Personen, der fast immer an der Baustelle war. Darüberhinaus halfen aber viele weitere Hegensdorfer mit, in dem sie Arbeit, Gerät, Diesel, Verpflegung, usw. zur Verfügung stellten. Und wer sich nicht beteiligen konnte, spendete einfach einen Betrag, wodurch ein Teil der anfallenden Kosten gedeckt wurde.

Tipps zu geben ist nicht einfach, da die technische Ausgangslage in den meisten DSL-losen Flecken individuell zu prüfen ist. Einfach kann man sagen, dass sich Beharrlichkeit und Kreativität auszahlen. Sobald man akzeptiert, dass die Telekom nicht gezwungen ist, auszubauen bzw. alle Kosten zu übernehmen, kann man nach alternativen Lösungen suchen. Schwierig ist aber meist schon die Kontaktaufnahme, bei der ich aber gerne unterstützen kann.

telefon.de: Im Moment sind Web 2.0-Communities ein großes Thema im Internet. Hat ihre Buddelaktion den Zusammenhalt im Hegensdorf gestärkt und könnte man daher auch von Buddeln 2.0 sprechen?

Frank Pittig:
Für kleine Ort ist es fast schon selbstverständlich sich zu selbst zu helfen. Wenn es beispielsweise um die Pflege der Gemeindehalle geht, dann wird dies aus dem Ort heraus bewerkstelligt. Von daher war die Zusammenarbeit nichts neues. Dennoch war die Stimmung beim Buddeln so gut und auch ich, als nicht gebürtiger Hegensdorfer habe so viele Menschen kennengelernt, dass man sicher von Buddeln 2.0 sprechen kann.

telefon.de: Viele Leute können sich heute gar nicht mehr so recht an das Zeitalter des Internetzugangs per Modem oder ISDN erinnern. Wie stark wurde das Leben bei Ihnen im Ort ohne DSL geprägt?

Frank Pittig: Ich bin der Ansicht, dass ein Breitbandzugang heute schon fast zur Grundversorgung gehören sollte. Im Zeitalter der Informationsgesellschaft verlieren nicht angeschlossene Orte immer mehr den Anschluss. Es fängt bei alltäglichen Dingen an. Beispielsweise sind Webseiten mittlerweile mehrheitlich auf Breitbandnutzer abgestimmt, so dass der Aufruf einzelner Seiten mit ISDN oft mehr als 1 Minute dauern kann. Auch das Abrufen von E-Mails wird zur Tortur sobald Daten angehängt sind. Darüberhinaus stellen Antiviren- und Windowsupdates für die Hegensdorfer ein Problem dar.
Und als wenn es nicht schon reicht, dass es quälend langsam ist, fallen zusätzlich auch noch Kosten je genutzer Minute an.

telefon.de:
Zum Abschluß würde uns noch ein kleiner Ausblick in die Zukunft interessieren. Wie wird die gewonnene Geschwindigkeit beim Surfen das Leben in Hegensdorf beeinflussen?

Frank Pittig: Wir werden die Trassenarbeiten in etwa einer Woche abgeschlossen haben. Der DSL-Anschluss wird von Seiten der Telekom gegen Ende des Jahres geschaltet werden. Ab Jahresende wird sich dann die gewonnene Geschwindigkeit in vielen Punkten bemerkbar machen. Unsere Mittelständler müssen z.B. nicht mehr mit USB-Sticks in den nächst größeren Ort fahren, um ihre Kommunikation aus einem Internetcafé heraus abwickeln zu können. Schüler können sich im Internet über den Schulstoff informieren, oder bei der Jobsuche Onlinebewerbungen versenden. Studenten sind nicht mehr gezwungen den Ort zu verlassen. Pendler können endlich von zu Hause arbeiten.Und auch Wohnungen können wieder einfacher vermietet werden, da niemand der ins schöne Hegensdorf zieht, mehr auf DSL verzichten muss.
Kurzum: Ganz Hegensdorf profitiert vom selbst geschaffenen DSL-Zugang und wir sind stolz auf dieses bisher deutschlandweit einmalige Projekt…
Fotos zur Aktion finden sich übrigens unter www.hegensdorf.de.

Kommentar hinterlassen